kollektive Collage

cadavre exquis, 2016

Wandarbeit bestehend aus 200 s/w-Plakaten à 120×80 cm

In ihrer künstlerischen Arbeit setzt Claudia Märzendorfer Skulptur(en) in Bewegung und erzeugt Situationen, die dank ihrer Instabilität Momente der Überraschung in sich bergen. Ihre als Eisabgüsse hergestellten bildhauerischen Arbeiten sind exemplarisch hierfür. Raum wird wiederum in Bilder zerlegt und aufgefächert, gewohnte Sehgewohnheiten werden dabei dekonstruiert. In lebensgroßen Wandzeichnungen und in fotografischen 1:1 Reproduktionen tastet sie Räume förmlich ab. Dafür werden diese einem Raster folgend zuerst bildlich erfasst und zerlegt und die fotografischen Reproduktionen neu zusammengestellt. Diese Form von räumlicher Erkundung stellt für die Künstlerin eine Möglichkeit der Erkenntnis dar. Die allgemeinere Frage, wie wir die Welt begreifen und unsere Umwelt gestalten, zieht sich durch ihr Werk.

Die großformatige Wandarbeit cadavre exquis, die Märzendorfer 2016 realisierte, zeigt einen von der Künstlerin festgelegten und fotografisch dokumentierten Ausschnitt einer Raumflucht durch das alte Postamtsgebäude in Bregenz, in dem sich nun der Bildraum Bodensee befindet. Ebendort wurde die aus 200 s/w-Fotoplakaten bestehende Arbeit präsentiert.

Für die ortsspezifische Collage wurden 200 lebensgroße Fotografien auf 80 Gramm Papier im Format 120 x 80 cm geplottet, geordnet, geschlichtet und an die Wand genagelt. In mehreren Lagen und dichten Reihen hingen die Plakate über- und nebeneinander an der Wand und erzeugten zusammen ein Gesamtbild der Raumflucht. Deren Höhe war in drei Reihen – A (oben), B (Mitte), C (unten) – unterteilt, die Breite wurde in sieben Spalten (1–7) wiedergegeben, während die Tiefe der Raumflucht variieren konnte und dementsprechend die Anzahl der Plakatlagen bestimmte. BesucherInnen der Ausstellung waren eingeladen, in den Plakatreihen zu blättern, also die unter der ersten Bildschicht liegenden weiteren Plakate aufzudecken, gegebenenfalls auch ein Wandstück abzureißen und mitzunehmen, und sie veränderten dabei jedes Mal das Gesamtbild. Denn blättert man in den Bildern, ergeben sich immer wieder neue bildliche Nachbarschaften und zufällige Ansichten – ähnlich wie bei der von den Surrealisten praktizierten und als cadavre exquis bezeichneten, spielerischen Methode der Bild- und Textproduktion.

Für die vorliegende Publikation – die als Dokumentation der wandfüllenden Plakatarbeit in einer Auflage von 100 Exemplaren konzipiert ist – wurde das Prinzip der Zerlegung und räumlichen Neuanordnung (wie oben beschrieben) ein weiteres Mal vorangetrieben, diesmal um die fotografische Wiedergabe der Raumflucht für das lineare System eines gebundenen Druckwerks zu adaptieren.
Die insgesamt 21 Plakatblöcke samt jeweiliger Tiefe (A1–7, B1–7, C1–7) sind hier also statt gleichzeitig unter-, neben- und hintereinander so angeordnet und zusammengefasst, dass man beim Blättern im Buch folgende Ordnung vorfindet, die einen von oben links (A1) nach unten rechts (C7) führt und zwar jeweils von einem Bildstapel zuerst in die Tiefe und erst dann folgt der nächsten Bildstapel in Leserichtung; dieser führt dann wieder zuerst in die Tiefe, und dann folgt der nächste Bildstapel in Leserichtung usw.
Die Publikation ist folglich in 21 Abschnitte gegliedert und mit entsprechend beschrifteten Zwischenblättern versehen. Je nach Anzahl der Wände, die sich in der jeweiligen Flucht hintereinander befinden, umfassen die Abschnitte mehr oder weniger Seiten.

Jeanette Pacher