Claudia
Märzendorfer

Shared Space

Das Konzept verweist auf die spezielle architektonische Situation des Gebäudes und thematisiert dessen Zuschreibung. Durchgängig durch das Gebäude wird an Boden, Wand, Decke, Fassade eine Spur gezeichnet und beschrieben: ein anderes Haus. Das andere Haus, das früher an dieser Stelle stand, wurde überschrieben. Oben, unten, links, rechts sieht man das Haus noch (vor allem) bei Nacht. Früher war die Erde eine Scheibe, und früher war die Welt größer. Der Raum bleibt, auch ohne Struktur.

Der dreidimensionale Plan des alten Hauses entsteht durch die (neuen alten) Linien im Kopf, schreibt die alten Strukturen in den neuen Raum ein. Da oder dort entsteht eine Nische, eine Wand, wo keine mehr ist. Manchmal steht eine Wand des neuen Hauses auf einer der alten.

Vom Labyrinth bis zum Shared Space bezwecken räumliche Überlegungen meist Unterteilungen, Eingriffe, intelligente Lösungen, um vor allem soziale Bereiche übersichtlich oder auch rätselhaft zu gestalten.

Diese Ausführung lässt mittels der Linien einen dreidimensional erdachten Raum innerhalb des gesamten Gebäudes entstehen; er ist über die Stockwerke, die Fassade, im Innen- und Außenraum erkennbar, führt hinein und wieder hinaus. Die Linien ziehen sich durch das gesamte Gebäude und sind als Kunst am Bau nicht auf einen zugewiesenen definierten Ort beschränkt. Dieser erdachte Raum wird ebenso wie das neue Haus von den Benützern frequentiert. Aus den räumlichen (Unter-) Teilungen, die die Linien visuell verursachen, erfolgen möglicherweise auch bestimmte temporäre Nutzungen der alten Hausordnung.

Das Konzept versteht sich als Gesamtplan. Kein solides Kunstwerk, aber eine künstlerische Überlegung. Es greift den neuen, nicht mehr rein funktionalistischen Bau (postfunktionalistisch: Atrien, Dispoklassen, Ruhezonen) auf und erklärt sich nicht als Kunstwerk im Sinne eines separierten, in sich geschlossenen Gebildes. Vielmehr versteht sich diese handgezogene Linie als Kommunikationsinstrument, das changiert zwischen der Signalethik (räumliche Orientierungshilfe in komplexen Gebäuden) und einer Spur, die die Geschichte des Raumes erzählt.

Ein Leitsystem, dem die Ausführung ähnlich ist, ist in (österreichischen) Schulen oftmals nur in rudimentärer Form notwendig. Manches zu bezeichnen ist hilfreich und kann auch, oder darf auch – besonders bei jungen Menschen – verwirrend sein.

Leitsysteme schaffen Identität, schaffen Beziehung für die Nutzer.

Sichtbar ist dieses Element der Linie nur dort, wo die Umrisse des alten Gebäudes auf die neuen Linien und Flächen des neuen Gebäudes treffen. Ist keine Fläche und Linie deckungsgleich mit dem historischen Bestand, ergibt sich keine sichtbare Linie – außer im Kopf, als gedachte, imaginierte Verbindung. Sind Verbindungen, Linien in der Luft oder verschwinden mitten im Raum, sind diese nicht sichtbar und bleiben in der Luft liegen.

Die Abrisslinie des alten Schulhauses, das teils erweitert, teils neu errichtet wird, ist im Plan die Leitlinie. Die Gestaltung zeichnet eine Spur, regt die Vorstellungskraft an und lässt auf die Geschichte zurücksehen, löst die Linien der neuen Architektur und greift wie alles Lernen und Lehren den alten Bestand auf … dreht Zeit zurück, lässt Rückschlüsse ziehen auf ein permanentes Fortschreiten von Tat- und Wissensbeständen und Altes aus neuer Perspektive betrachten.

Ziel ist zu vermitteln, dass nichts was erschaffen und erdacht wird ohne Vorwissen und ohne Vorleistung entsteht und entstehen kann, und dass jegliche menschliche Errungenschaft verändert wird, um im Sinne des Wandels etwas Neuem Platz zu machen, einer Entwicklung und Erweiterung durch die nächste Generation.

Shared Space, Wettbewerb Kunst am Bau, BRG Krems, 2013

Claudia Märzendorfer