Claudia
Märzendorfer

music typewriter

Die Vervielfältigung der Vervielfältigungsmaschine

„meine Notenschreibmaschine“ 1909 entwirft Schönberg „meine Notenschreibmaschine“, das Patent reift zwar bis hin zur Patentschrift, wird aber aus formalen Gründen am Patentamt abgelehnt und nie gebaut. Eine Vorstudie für eine „elektrisch betriebene Schreibmaschine“ (1909) ist im Schönberg Catalogue raisonné (Cr 224) als solche bezeichnet, unter anderen Konstruktionen, Möbelentwürfen und Kuriositäten wie einem Schachspiel für 4 Personen. Welche Funktion diese Skizze mit Handschrift eigentlich hat, ist hingegen schwer zu deuten. Dass es sich wirklich um einen elektrischen betriebenen Apparat handelt, scheint unwahrscheinlich; die Skizze lässt eher auf ein pneumatisches Gerät aus Gummischläuchen schließen. Die Einschätzung Dr. Peter Donhausers  vom TMW bestätigt diese Vermutung. Möglicherweise zeigt die Skizze ein Rastral zum Zeichen von Notenlinien.
Biographisch  interessant ist, dass sich Schönberg unmittelbar nach seinem Patent 1909 vom Komponieren weitgehend  zurückzog und sich ganz der Malerei widmete, sogar von dieser leben wollte. Die kompositorische Schaffenspause hielt drei Jahre an. In dieser Zeit verfasste er aber immerhin seine Harmonielehre (1911) und vollendete die 1901 begonnenen »Gurrelieder«. Mit dem Tod Gustav Mahlers 1911 verlor er in dieser stürmischen Zeit zudem einen seiner wichtigsten Förderer…

Zur weiteren Entwicklung auf dem Gebiete der Notenschreibmaschinen: Die Wanderer Werke, die unzählige Patente ab 1886 produzierte (Fahrräder, Motorwagen, Lochkartenapparate), befassten sich auch mit dem Thema der Notenschreibmaschine; in den 1930er-Jahren wird eine bei ihnen erzeugt. Ob sie allerdings viel zu Gebrauch kam ist – laut Hermann Härtel vom Volksliedwerk – zu bezweifeln. Ein Modell mit der Inventarnummer 1 befindet sich im Steirischen Volksliedwerk, eine weitere dieses Typs im TMW. Die Problematik der Reproduktion bleibt allerdings bis in die 1960er und 1970er-Jahre bestehen, bis schließlich moderne Kopiergeräte die Vervielfältigung von Noten für jedermann erschwinglich machen. Ein weiteres Modell, patentiert 1950 von Cecil Stanley Effinger in Denver, Colorado, wird ab den 1960ern hergestellt. In der Patentschrift ist zu lesen: „… derartige Schreibmaschinen sind  nicht nur beim Komponieren, sondern auch bei der Anfertigung von Notenabschriften oder zu Reproduktionszwecken nützlich. Seit vielen Jahren sind viele Versuche gemacht worden, eine Schreibmaschine so zu gestalten, dass Noten mit der Maschine geschrieben werden können. Bei einigen dieser Maschinen wurden verwickelte Gestänge oder ähnliche Vorrichtungen eingebaut, um das Papier gegenüber dem Anschlagpunkt der Typenhebel zu verschieben oder umgekehrt, und um das Papier auf einen Punkt einzustellen, dass ein Notenschriftzeichen in der gewünschten senkrechten Stellung auf den fünf Notenlinien geschrieben werden konnte … Aus diesem Grund war es tatsächlich unmöglich, Korrekturen usw vorzunehmen….“ ( aus der Sammlung des TMW) Dieser Text legt die Vermutung nahe, dass es sich auch bei Schönbergs Notenschreibmaschine um ein vielleicht zu kompliziertes Gerät handelte, obwohl so viel Innovation in ihm steckte – das Gerät unterscheidet sich deutlich von allen anderen später entwickelten durch die bewegliche Schreibfläche. Dazu Hermann Härtel: „…es muss ernstlich angezweifelt werden, ob ein Komponist, während er ganz und gar mit der komplizierten Abfolge der Anschläge beschäftigt ist, überhaupt noch an Musik denken kann!“

Friedrich Cerha erzählt, dass das Problem mit wertvollen Autographen bis in die 1960er Jahre bestand. Es  wäre es ihm fast passiert, auf  einer Manuskriptseite von Alban Bergs »Orchesterliedern nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg« eine Notiz zu machen. Im letzten Moment erkannte er das Autograph…

Seither hat sich die Geschichte der Reproduktion, wie in vielen anderen Bereichen, selbst überholt. Was sich aus einer drängenden Notwendigkeit zunächst langsam entwickelte, ist durch ständig erweiterte Softwarelösungen und die Verbreitung im Internet für die Musik und ihre ProduzentInnen in die andere Richtung umgeschlagen – vom wertvollen Autograph zum freien Download.
Die in festem Material (auf)gebaute und nachempfundene Apparatur der Notenschreibmaschine Schönbergs wird in Silikonformen abgenommen. Mittels einer weiteren äußeren Stützform ist es möglich, diese als Gussform mit in Tinte gefärbtem Wasser zu befüllen und den Werkstoff Wasser dann durch Gefrieren zu härten. Der Bau einer gläsernen Vitrine, die in ihrem darunter gelegenen Standkörper ein eigens entwickeltes Tiefkühlsystem birgt, realisiert die künstlerische Hommage auf Schönbergs Patent und kann in dieser Form im Rahmen der Ausstellung präsentiert werden.

Die Hommage an Schönbergs Notenschreibmaschine im Eisguss steht hier für die starke Vorstellungsgabe des Künstlers Schönberg. Er hat diese höchst aufwendige Konstruktionsarbeit nicht bis zur Produktion für den Gebrauch geführt. Das Projekt blieb (auch) so ein weiterer Beweis für seine große künstlerische Innovation.

Das Modell der Notenschreibmaschine, in Tinteneis gefroren, ist nicht für eine Verwendung bestimmt, im Unterschied zu meinen Eis-Schallplatten, die tatsächlich abgespielt werden. Sie bringt durch ihre Materialität verstärkt die Ungreifbarkeit der Problematiken der Zeit ihrer Erfindung und der Zeit an sich zum Ausdruck. Das Thema der Vervielfältigung und Archivierung, Der Erfindergeist Schönbergs, der in den verschiedensten Werkformen zu Tage tritt, sowie die Entwicklung der „Datenspeicherung“ an sich berühren hier viele Aspekte meiner bisherigen Arbeiten.

Wie in meinen Archivarbeiten mit Büchern und Schallplatten versuche ich hier, diese Gegenstände in einem zeitlichen Aspekt zu inszenieren und diesem durch seine „andere“ Materialität entsprechend eine Bedeutung zu geben. Schönberg schien den Plan einer Notenschreibmaschine eher als weiteres Experiment betrachtet zu haben und eventuelle Möglichkeit zur Finanzierung seiner künstlerischen Arbeit und ich denke diesen Aspekt hier deutlicher in einem ungreifbaren Objekt darstellen zu können als in einer dreidimensionalen Version seiner Blaupause zur Patentschrift der Notenschreibmaschine.

Letztendlich geht es bei dieser Arbeit um künstlerische Ordnungen, die aus der Not der Mittel entstehen