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Pressetext

Die Praxis der Bildhauerin Claudia Märzendorfer ist von einem Interesse am prozesshaften Charakter, an der Veränderung, sowie an der Vergänglichkeit der Arbeit geprägt.

Ob unbeständige Installationen, temporäre Wandzeichnungen oder Eisschallplatten, die während des Abspielens schmelzen, die Arbeiten zeichnen sich durch Verflüchtigung aus. Sie handeln von der Verschiebung und Unterwanderung von realen Situationen. Die Zeit macht sich die Künstlerin zunutze, wenn sie die Skulptur in Bewegung versetzt und dabei filmische und akustische Bilder erzeugt. Angesichts eines allgemein akzeptierten Effizienz- und Optimierungsgebots stellen die gewählten Produktionsmethoden weniger einen Anachronismus dar, als diese eine bewusst gesetzte Gegenläufigkeit in einer marktorientierten Instant-Gesellschaft ist: ein anarchischer Moment und ein politisches Statement.

Claudia Märzendorfers Arbeiten beschreibt man vielleicht am besten als Darstellungsversuch eines Moments, der aus der Kontrolle geraten, zugleich unmöglich und irgendwie „falsch“ (Interview: DATUM, 2006) zu sein scheint. Vielmehr als Werke für die Ewigkeit zu schaffen, interessiert die Künstlerin das Prozesshafte, die Veränderung, auch das Verschwinden einer Arbeit. Folglich ist „Zeit“ Gegenstand in all ihren Arbeiten, in flüchtigen skulpturalen Installationen oder Objekten, die mit monumentalem Zeitaufwand hergestellt werden. Zeit ist für die Künstlerin die „einzige neutrale Währung“, eine Einheit also, die unabhängig von Herkunft und sozialem Status für jede und jeden exakt gleich messbar ist und bleibt.

Seit Ende der 1990er-Jahre arbeitet und experimentiert Claudia Märzendorfer wiederholt mit einem Verfahren und Material, das ihrem Interesse am Unbeständigen und Unkontrollierbaren entgegenkommt: Die Künstlerin produziert Objekte aus gefrorenem Wasser (fallweise auch gefrorener Tinte). Es entstehen ephemere, instabile Plastiken, deren Zerfallsprozess mit dem Zeitpunkt ihrer Präsentation einsetzt – und damit einmalige, magische Situationen, die wie bei musikalischen Live-Aufführungen immer auch einen Moment der Überraschung in sich tragen (perfektes Verschwinden, 2000 oder Haus, 2001 etc.). Claudia Märzendorfer versteht die Welt als ihr Material, will sich dabei nie auf ein Medium festlegen, zerlegt die Welt gedanklich, verbindet sie mit soziologischen und politischen Ebenen und setzt diese neu zusammen. Das ist auch der Motor ihrer künstlerischen Produktion. Diese umfasst neben den schon erwähnten Eisabgüssen, u.a. von trocknender, treffender: tropfender Wäsche (Kaltwäsche 1997), abspielbaren Eisschallplatten (Frozen Records, ab 2005) oder einem Bausatz- Prototypen System (Als er das Messer in die Sonne warf, 2009) auch fotografische und zeichnerische Erkundungen des Raums, Textarbeiten (vom Lift aus begangen liegt alles im Parterre, 2015. Fiktiver Archivar, 2016. Unter ein Bild, 2016 ua.) und musikalische Arbeiten (music typewriter, score I, 2012. white noise, 2007. oder auch frozen archive, ab 2007.).

Ortsbezogene Arbeiten der letzten Jahre wie die 200 Meter lange Wandzeichnung (Wandabwicklung, 2014) im Hauptgebäude der BIG in Wien, shared space- concept (Kunst am Bau, 2013) oder auch bei: Vom Lift aus begangen liegt alles im Parterre (2015). Hierbei hat Märzendorfer die Funktions-, Arbeits- und Atelierräume eines Stockwerks der Universität für Angewandte Kunst in Wien konkret als fotografische Aufnahme kopiert und in einem Abrissblock sowohl räumlich als auch zeitlich verdichtet. In ähnlicher Weise brachte sie die minutiös abfotografierten Wandstücke, eines ganzen Stockwerks, in der ortsspezifischen Wandarbeit (cadavre exquis, 2016) auf bogengroße Plakate.
5000 qm freie und weitgehend naturbelassene Fläche fotografierte Märzendorfer zentral abgelichtet von oben. Im Ausstellungsraum zusammengefasst zu einem Kubikmeter hohen Papierblock, zu 10.000 Plakaten der 1x1m großen Abbildungen dieser Wiesenteile, wurden die Landstücke dann unter Mitwirkung der Ausstellungsbesucher durch den Abriss- wie handelsüblich in Quadratmetern- rasch im Ausstellungsraum zum Verschwinden gebracht. (1QM LAND, 2017)

In einem langjährigen Arbeitsprozess wiederum entstanden die Objekte der Werkgruppe Ersatzteile: Im Verlauf von acht Jahren nahmen die, in Handarbeit produzierten LKW-Reifen, Motorblock und diverse andere Teile eines LKWs, Masche für Masche Form an.(Ersatzteile 2005-2013, Motor 2012-13).

2018 befasste sich die Künstlerin unter anderem mit dem Genre der Klavierzerstörungen die von KünstlerInnen, SchriftstellerInnen, MusikerInnen in den letzten 150 Jahren unternommen und beschrieben wurden. Vielmehr als um das Erklingen des Klaviers handelte es sich um den Nachhall im Individuum- ist das Instrument das Organ einer Demonstration. Immer geht es bei dieser Art der Unternehmung um ein radikales Statement und einer Positionierung zur Welt.

Märzendorfers Interpretation (smashed to pieces, 2018) der Thematik floss dabei in eine filmische Installation einer Klavierzerlegung, die auf den Boden projiziert für den Besucher zu begehen
ist, wie eine Art Hybridbild. ZuschauerInnen, die das projizierte Bild betreten, sind dabei Teil des Geschehens. Das sich auflösende Bild des Klaviers, sowie dessen förmlich zerfließender Klang, in einem 45 Minuten Film dokumentiert. Wobei nur das Klavier in Bewegung ist und die Kamera zentral, mit nur einer Einstellung von oben, die Situation dokumentiert. Die Performance bleibt dadurch ein strenges grafisches Bild, wie bei einer musealen Ordnung finden alle Einzelteile den Platz. Dabei wurde mit einer Vielzahl von Kontaktmikrofonen die akustische Zerlegung erfasst und mit nach Profession ausgewählten 10 Personen durchgeführt.

Für das Festival Wien Modern 2018 arbeitet sie mit einer Leihgabe des New Yorker John Cage Trust, eine Interpretation des „Mushroom Book“.
Eine weitere zerfließende Skulptur in einer erodierenden Weltordnung, aus ihrem eigensten ungenügendem Material: aus gefrorenem Wasser.

„Meine Vision ist grundsätzlich die einer Abweichung oder Verschiebung von „Normalsituationen“, eine Welt neben oder parallel zu der Welt zu erzeugen, weil ich gesellschaftliche Vorgaben und Konventionen zumeist als beengend empfinde. Ich vermisse oft den allgemeinen Mut, Situationen oder Rahmenbedingungen in Eigenregie zu verändern oder zu verbessern. Nachhaltigkeit ist in dem Sinn immer ein sozialer Aspekt“ (2014, in einem Interview zum Thema Nachhaltigkeit).

 


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