Claudia
Märzendorfer

Banketjes

Bankett  ein Stillleben

Bankett bezieht sich allgemeinen auf jene Tradition der abendländischen Malerei, die in der Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit ihre Aufgabe sah und im Besonderen auf jenen historischen Moment, in dem sich dieses Vergnügen an der Materialität der Welt von der Bevormundung religiöser Bedeutung löste.

Im 17. Jahrhundert erreichte die durch den Fernhandel wohlhabend gewordene Schicht holländischer Kaufleute ihr kulturelles Selbstverständnis in der versachlichenden Darstellung all jener Dinge, die sich entweder als Besitz demonstrieren ließen oder dem Genuss dienten. Das Stillleben war die Feier des tatsächlich Vorhandenen durch die malerische Inszeniereung seiner Sinnlichkeit im Gewand alltäglichen Verfügens. Unterschiedslos ist in diesen Bildern die Zeit eingefroren: Objekten temporären Konsums scheint dieselbe Dauer zu eignen wie beständigen Besitz. Der Memento–Mori Hinweis, die Erinnerung an die Vergänglichkeit jeglicher physischer Erscheinung aber, der diese Bildgattung traditioneller Weise bestimmte, ist beide Male verdeckt durch den affirmativen Glanz der Oberflächen. Enzyklopädischer Hyperrealismus, der zu verschiedener Zeit blühende Blumen in einer Vase versammelt und narratives Nachspüren menschlicher Inbesitznahme am Tisch, das sind die vorherrschenden Strategien der Konstruktion eines Gegenstandsbezuges der vielleicht zum ersten Mal in der europäischen Geschichte von Überfluss geprägt ist.

Meine Absicht ist es hier, dieses Instrumentarium der gedeckten Tafel ganz bewußt mit gesellschaftskritischen Überlegungen in Beziehung zu setzen. Was mit dem Typus Stillleben und Bankett in den Niederlanden, trotz einer gewissen reflexiven Distanz in der Allegorie, doch mehr oder weniger beschreibend vorgetragen wurde soll in meinem Projekt Banketjes einen wesentlich stärker hinweisenden Charakter erhalten. Ich denke an eine gedeckte Tafel und wenn ich vorher den symbolischen Aspekt holländischer Stillleben erwähnte, so sind mein Tisch und die Gegenstände darauf noch viel offensichtlicher ein Arrangement aus Bedeutungen. Es gibt wohl kaum eine zweite Situation innerhalb einer Zivilisation, die so sehr reglemetiert ist wie der gemeinsame Konsum von Nahrungsmitteln. Eine Vielzahl von Gerätschaften mit einem schichtspezifischen Grad an Ausdifferenzierung setzt uns in die Lage, die jeweils angemessene Distanz zu unseren Bedürfnissen einzunehmen, um am Tisch als gesellschaftsfähig zu gelten. Die Tafelrunde ist eine Analogie zur Gesellschaft und die Gegenstände darauf sind die Protagonisten einer Handlung die vom Betrachter mitvollzogen wird. Das seit einiger Zeit die Materialität meiner Arbeiten bestimmende Eis, pbietet mir dafür eine Reihe von Ansatzpunkten. Mein Interesse am Abformen von Körpern in einem Befremden auslösenden Material steht durchaus affirmativ zum überraschenden Glanz der Oberfächen. Die Lust am Zurschaustellen des Besonderen wird jedoch vom prozeßhaften Charakter des Eingefrorenen konterkariert: es vergeht.

Es ist noch nicht ganz klar, ob alle Gegenstäne auf dem Tisch aus Eis geformt, mit der gleichen Geschwindigkeit ihre Form verlieren, oder ob, den widerstandsfähigen Objekten mit Eis die Dauer entzogen wird. Ganz im Gegensatz zum holländischen Stillleben, daß anbetracht des ständigen Wechsels der Erscheinungen in der Realität Haltepunkte für Reflexion schaffen will, versuche ich in diesem Projekt die Vorrichtung dem sich im andauernden Fluß befindlichen Gegenstand der Untersuchung anzunähern. Man kann in geglückten Momenten dieses Unterfangens vielleicht epische Schönheit erkennen.

Das beiliegende Bildmaterial zeigt einen variierbaren Ausschnitt des in Arbeit befindlichen Stilllebens und wird in vollendetem Maße einen gedeckten Tisch mit der Größe von etwa 1.5×4 Metern zeigen.  Die ganze Tafel ist aus vielen einzelnen inFormen gegossenen Stücken aus gefrorener Tinte hergestellt und hernach zusammengesetzt.